Kohistan
Ab Shinkiari ist der Verkehr wie abgerissen. Gott sei Dank, denn wenn es so weiter gegangen wäre, hätte ich die Reise wohl abgebrochen. Es geht jetzt ständig bergauf. Genau vor einem Jahr war in dieser Gegend ein gewaltiges Erdbeben, aber von Wiederaufbau keine Spur. Während wir letztes Jahr in Indien zwölf Monate nach dem verheerenden Tsunami nichts mehr davon gesehen haben außer nigelnagelneue Dörfer und Fischerboote, liegt hier alles noch in Trümmern. Überall in den Dörfern stehen die Männer und Jungen einfach so rum, lassen ihre Gebetsschnüre durch die Finger gleiten und schauen furchtbar böse drein. Die größte Arbeit scheint zu sein der Kuh oder Ziege beim Fressen zuzuschauen. Alle paar Kilometer stehen die großen Zelte aller namhaften Hilsorganisationen bis zum Rand gefüllt mit Konserven und Säcken voller Reis. Aber selbst mal Hand anzulegen und ein beschädigtes Haus wieder aufzubauen, auf diese Idee scheint hier keiner zu kommen. Frauen und Mädchen sieht man hier keine mehr.
Kurz hinter Chattar Plain beginnt das Steinewerfen. Wir radeln durch eine wunderschöne, alpine Landschaft, aber von allen Seiten werfen uns die Kinder Steine nach. Wenn wir ein paar Erwachsene ansprechen was das soll, zucken sie nur lachend mit den Schultern. Offensichtlich finden sie absolut richtig was ihre Plagen da so anstellen. Am Ende der Reise werde ich ein absoluter Verfechter von Kinderarbeit sein, zumindest hier in diesem Teil von Pakistan, dann haben sie wenigstens was sinnvolles zu tun.
Laut pakistanischem Tourismusamt PTDC sollte es in Thakot ein Hotel geben, diese Information war, wie auch alle anderen Auskünfte dieser Behörde, absolut falsch. Dort arbeiten anscheinend die reinsten Märchenerzähler. Wir müssen also weiter bis Besham, mittlerweile ist es stockdunkel und man läuft Gefahr in den riesigen Schlaglöchern auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, aber wir finden dann ein ganz passables Hotel.
Ab dem nächsten Morgen werden wir von wechselnden Polizeieskorten begleitet, wegen der "dangerous people" wie man uns sagt. Die Landschaft ist grandios, die Straße ein einziges Loch, die Orte an Häßlichkeit kaum zu überbieten. Zu Essen gibt es tagsüber nichts, wenn wir unseren mitgebrachten Proviant verzehren wollen, müssen wir uns verstecken, damit sich keiner aufregt. Reisende und besonders Nichtmuslime sind zwar von dem Fastengebot ausgenommen, aber das interessiert hier keinen.
Auch der dritte Tag in Kohistan verläuft nicht anders, nur dass wir überhaupt keine Übernachtungsmöglichkeit finden. In Shatial gibt man uns zu verstehen, dass wir möglichst schnell verschwinden sollen, und so heuern wir einen Bus an, der uns nach Chilas bringt. Im Vergleich zu den letzten Unterkünften ist das Chilas Inn fast schon Luxus, es gibt sogar annähernd heißes Wasser zum Duschen. Aber die Unfreundlichkeit, ja fast schon Feindseligkeit der Leute ist unglaublich. Seit Tagen haben wir keinen mehr lachen sehen. Was für ein Gegensatz zu unserer letztjährigen Reise durch Südindien, wo wir immer von fröhlichen Menschen umgeben waren.
Kohistan hält noch eine weitere Unannehmlichkeit für uns bereit. Hier gibt es Sträucher die Dornen wie Reißnägel produzieren und die liegen dann wie ebensolche auf der Straße. Die Folge: ein, zwei Platten täglich.
Einen freundlichen Herrn finden wir in Kohistan dann doch noch. Ein Ladenbesitzer in Gunnar Farm verkauft uns eine Cola und wir dürfen sie bei ihm im Laden trinken!